Der Einladung zum Künstlergespräch mit dem afghanischen Bildhauer und Fotografen Mujtabah Mirzai im Moritzpunkt waren viele interessierte Besucher gefolgt. Es wurde ein spannender Abend, der vielfältige Einblicke in die aktuelle Situation Afghanistans bot.

 


Ein Bild
Zeigt das Leid eines Landes
Gleichwohl
Die Hoffnung eines jeden
Ein Mann kann alles bewirken
Er muss nur damit anfangen

Wenn wir glauben
Dass alles verloren ist
Weint die Welt
Wenn ich aufhöre zu kämpfen
Weine ich
Unbedeutend, was man tut
Unbedeutend, wie viel man gibt
Hauptsache, man tut es
Hauptsache, man gibt

Lass uns einen Funken schlagen
Die Hoffnung
Damit zum Glimmen bringen
Lass uns ein Feuer entfachen
Damit  das Herz der Welt
Wieder brennt

Der Poet

Die Ausstellung „Hindukusch Reanimation“ wurde von Ulrike Wankel in Zusammenarbeit mit Michael Grau, dem Kulturreferenten von St. Moritz, ins Leben gerufen. Zu sehen sind beeindruckende Fotos, die Mujtabah Mirzai, während seiner Aufenthalte in Afghanistan aufnahm. Er kam 2005 als Flüchtling nach Deutschland und beschloss, den Beruf des Steinmetzes zu erlernen, als er von der  Zerstörung der riesigen Buddha-Statuen im Tal von Bamiyan erfuhr. Seine Fotos zeigen das Leben in der Region Hazarajat, in der, nicht zuletzt durch den Krieg, große Armut herrscht. Mujtabah Mirzai ist dort nun an der Restaurierung der Buddha Statuen im Rahmen des Unesco/Icomos Projektes beteiligt. Er unterstützt darüber hinaus mehrere humanitäre Projekte, wie die Arbeit des Vereins „Mit warmen Händen e.V.“   oder ein Brillenprojekt,  in dem durch verstellbare Brillen aus Plastik Menschen in armen Ländern zu deutlich verbesserter Sehschärfe verholfen werden kann.
Beim Selbstversuch im Moritzpunkt konnte man dann tatsächlich feststellen: Mit den Rändelschrauben an den Bügeln kann man die beiden übereinanderliegenden Linsen soweit gegenläufig verschieben, dass man einen wesentlich „besseren Durchblick“ bekommt:

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Und extrem stylish ist die Brille noch dazu!


Die Besucher der Ausstellung lernten im Gespräch mit dem Künstler einen engagierten Menschen kennen, dem seine Heimat Afghanistan am Herzen liegt und der mit viel persönlichem Einsatz „die Hoffnung wieder zum Glimmen bringt“. Es war ein spannender, motivierender Abend!

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Informationen zu Mujatbah Mirzais Arbeit:

Die Buddhas von Bamiyan

Etwa eine Tagesreise nordwestlich der afghanischen Hauptstadt Kabul liegt Bamiyan auf 2500 m im schwer zugänglichen Hochgebirge des Hindukusch. Zuletzt schaute die internationale Öffentlichkeit im März 2001 entsetzt auf diesen Ort, als die Taliban die größten Buddha-Figuren der Welt (55 m und 38 m) sprengten. Sie zerstörten damit ein Weltkulturerbe, das vor über 1.500 Jahren an diesem Ort entstand, aber auch den Stolz und das Selbstbewusstsein der Bevölkerung, die bis dahin tagtäglich vor Augen hatte, was ihre Vorfahren geschaffen hatten.
Bamiyan war ein wichtiger Knotenpunkt der Seidenstraße. Seide aus China, Elfenbein aus Indien und Glas aus Alexandria wurden hier gehandelt. Verschiedene Religionen bestanden nebeneinander. Im 4. Jahrhundert nach Christus entstand in Bamiyan ein künstlerisches und religiöses Zentrum des Buddhismus und wurde eine der wichtigsten Pilgerstätten der Welt. Die Buddha-Statuen wurden vom 3. bis 5. Jht. n. Chr. in Felsnischen eingearbeitet und bildeten zusammen mit zahlreichen Höhlen ein Ensemble von Klöstern, Kapellen und Wallfahrtsorten entlang der Seidenstraße. Der chinesische Mönch Xuan Zang beschreibt die Buddha-Statuen und die vielen Felsenhöhlen im 7. Jh. n. Chr. als nicht nur bunt bemalt, sondern sogar vergoldet. Die vielen kleinen umliegenden Höhlen waren durch Galerien verbunden und mit Wandmalereien, die zum Teil noch erhalten sind, reich geschmückt. Dieser Zustand hielt sich bis ins 8. Jahrhundert und änderte sich erst mit der islamischen Herrschaft über das Gebiet. In den Höhlen lebten einst über 3.000 Mönche und Priester, noch bis zum heutigen Tag leben besonders arme Familien in den Felshöhlen. Unter dem Taliban-Regime (1996-2001) wurden die Figuren nach vielen vergeblichen Zerstörungsversuchen mit Mörsern, Raketen und Granaten schließlich 2001  durch ausländische Sprengstoffexperten komplett gesprengt. Dies war eines der größten Verbrechen des Kulturvandalismus der Taliban. Im Juli 2002 wurde eine UNESCO-Mission gemeinsam mit dem International Council on Monuments and Sites (ICOMOS) gebildet, um Erhaltungsmaßnahmen in Bamiyan vorzubereiten. Durch die Wucht der Detonation sind die Nischen und der Fels rund um die Buddhas instabil geworden, die äußere Lehmschicht ist zu Staub zerfallen und vor den Nischen türmen sich bis zu acht Meter hohe Trümmerhaufen, die nach dem tagelangen Beschuss durch die Taliban voller Munition und Sprengkörpern waren. Ab 2003 begannen die Arbeiten vor Ort. Hierzu gehören die Stabilisierung der Felsklippe und der Nische des kleinen Buddha, die Bergung und Dokumentation der Fragmente beider zerstörten Buddha-Statuen sowie die Sicherung der Reste der Wandmalereien in den Höhlen. Zwischen 2004 und 2010 wurden etwa 10.000 Fragmente aus den Trümmern zu Füßen der Statuen geborgen und in provisorischen Hallen witterungsgeschützt gelagert.
Die UNESCO hat neben den Buddhas auch das Kulturlandschaft und die archäologischen Stätten im Bamiyan-Tal in die Weltkultur-Erbestätten-Liste aufgenommen.


Schare-Gholghola

Blickt man vom Kopf der Buddha-Nische über das Land, so sieht man in der fruchtbaren Ebene des Bamiyan-Tals einen gegenüberliegenden Hügel. 1221 marschierte dort der Mongolenherrscher Dschingis Khan mit seinen Truppen ein und massakrierte alle dort siedelnden Bewohner. Die völlig zerstörte Stadt wurde daraufhin in Schare-Gholghola umbenannt, was „Stadt der Schreie“ bedeutet und nicht wieder besiedelt. Die Ruinen werden nun durch den internationalen Rat für Denkmalpflege ICOMOS mit Mujtabah Mirzai als Bauleiter vor Ort teilweise wieder aufgebaut, ebenso wie das Mausoleum Khodja-Sabzpusch. Die Kuppeln des Mausoleums sind in einer speziellen Technik erbaut worden, die Mujtabah Mirzai erforschte und nun bei der Restaurierung wieder einsetzt. Zusammen mit seinem einheimischen Team baut er so in mühsamer Handarbeit die uralten Stätten wieder auf.


Wie sieht es jetzt dort aus, nach der Zerstörung der Buddhas und dem Abzug der Taliban?

Mujtabah Mirzai, der als Minderjähriger aus seiner Heimat Afghanistan vor den Taliban fliehen musste und in Deutschland Steinmetz gelernt hat, reist jedes Jahr für mehrere Wochen nach Bamiyan, um an den Restaurierungsprojekten der Denkmalschutzorganisation ICOMOS im Auftrag der UNESCO zu arbeitet. Mit seinen eindringlichen Fotografien zeigt er uns die Seelen dieser mutigen, hoffnungsfrohen Menschen in ihrer kargen, rauen Gebirgslandschaft und der von Armut geprägten Umgebung.
Mujtabah Mirzai unterstützt den Verein „Mit warmen Händen e.V.“, der Kinder und Familien in der Region Hazarajat hilft. Die Region liegt im bergigen Zentral-Afghanistan und ist nur schwer erreichbar. In den kalten und schneereichen Wintern sind die meisten Straßen unbefahrbar. Unter der Bevölkerung herrscht große Armut. Durch die Kriege haben viele Menschen Angehörige und Wohnungen verloren. Mujtabah Mirzai bringt die Spenden direkt nach Afghanistan. Er ist dort in Kontakt mit der ortsansässigen Bevölkerung und schlägt vor, welche Projekte oder Anschaffungen besonders benötigt werden. Dieses Jahr hat Mujtabah Mirzai Entwicklungshilfe-Brillen dabei, die sich ganz einfach an jede Sehstärke anpassen lassen. So können Kinder wieder in der Schule an der Tafel lesen und lernen, die Erwachsenen können wieder arbeiten, lesen und schreiben.

Ulrike Wankel

 

Gedanken zum Künstlergespräch:

Ein heller Raum. Viele, vor allem ältere Gesichter, schauen mich an. Ich sehe Bilder von Landschaften und Menschen, die mir völlig fremd sind. Über die Kultur Afghanistans, muss ich mir eingestehen, weiß ich eigentlich gar nichts. Ich bin gespannt, was auf mich zukommt!
Ein Mann mit Brille erzählt in gebrochenem Deutsch  von seiner Arbeit, bedingt durch seine Biografie, und von der Flucht aus seiner Heimat Afghanistan. Im Laufe des Vortrags ist seine Enttäuschung über die Sichtweise der Welt auf sein Land deutlich zu spüren. Fast jeder westliche Mensch hat ein negativ behaftetes Bild von Gewalt und Gefahr. Die Schönheit der Natur berührt mich zwar in gewisser Weise und sein Vortrag über Lehmbau und den Kuppelbau durch Keile, die einfachen Mittel, mit denen diese Menschen Häuser in traditioneller Art bauen, fesseln mich. Und dennoch spüre ich auch nach dem Vortag einen gewissen Widerwillen in mir. Die Stellung der Frau ist zwar in dieser Region besser als in anderen Teilen Afghanistans, ist aber, verglichen mit unserer westlichen Lebensweise, immer noch schlecht. Vielleicht ändert sich die Situation ja weiterhin zum Besseren!

Maia Beldner

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