Lyrische Bilderwelten von Michael Schalk. Wann immer mich die Muße küsst, wartet ab heute ein neues Gedicht auf euch!

 

Was wäre eine Welt ohne Sprache?

Sprache heißt Leben.
Sprache schenkt uns die Möglichkeit, Bilder zu malen. Bilder, die für jeden anders aussehen.
Sprache schenkt mir Momente, in denen ich ganz ruhig werde und zu träumen beginne.
Sprache lässt mich sprachlos werden.

Ich freue mich darauf, mit euch die lyrische Landschaft aus den Angeln zu heben, die Augen weit aufzureißen und staunend mit einem Lächeln im Sessel zu versinken.

Jede Woche eine kurze Auszeit und ein kurzer Text. Aus dem Alltag ausbrechen und Literatur genießen.

Falls du mehr über mich erfahren möchtest: Im KULTzoom erzähle ich von meiner Leidenschaft für Poesie und Kunst.

 


April 2018


Lost in Transit
 


Verlorene Seelen. Was suchen oder finden wir, wenn wir gezwungen werden, wenn wir neu anfangen? Ich habe eine wunderbar aufwühlende, aus dem Leben gegriffene Inszenierung gesehen: Lost in Transit. Im S`Ensemble Theater wurde ein zwei Mann/Frau Stück uraufgeführt, das zwei Seelen, die auf dem Weg sind, seziert.

Die beiden Hauptdarsteller sehen sich in der Transitzone eines Flughafens mit der Situation konfrontiert, dass ihnen alles, auch ihr Pass, gestohlen wird. Nach dem Stück bin ich der Frage nachgegangen, was Mona Lisa Lo und der Mann suchen oder wiederfinden wollten.

 

Mona Lisas Lächeln

Verstörend fast störend real
Verwebt und verdichtet
Sich die Handlung
Er schreit
Sie weint
Aufgewühlt
Weil sie verloren sind
Weil sie in eine Welt geworfen werden
Die Risse und Gräben aufwirft
Die Bühne scheint geteilt
Schauspiel
Realität
Alles verschwimmt
Wie ein Sog
Verschluckt mich
Die sterile Einsamkeit
Das weiße Kalkül
Der anonymisierte Jedermann
Die Transitzone
Zwischenwelt
LOST in Transit
Lost wie verloren
Verlustängste
Neustarthoffnung
Welten prallen aufeinander
Dialogstarke Wortwelten
Gefesselt von inneren Monologen
Weißleuchtenden Gedankensträngen
70 Minuten Mona Lisas Lächeln
Und die Frage
Was muss eine verlorene Seele wiederfinden?

 


März 2018


lyrisches in dunklen tönen

Kontrabass und Texte: Joseph Warner
Sprecher: Kristoffer Nowak

Lyriklesung mit Kontrabass und das in der Buchhandlung Rieger + Kranzfelder. Ich habe gar nicht nach Autor oder Thema gefragt. Was könnte daran falsch sein?
Nachdem ich die ersten Töne eines offenbar genialen Bassisten und Worte desselben nicht minder faszinierenden Dichters hörte, war klar, diese Stimmung wird einmalig. Ein von Melancholie und düsterer Poesie getragener Abend. Ein Füllhorn an Bildern, Melodien und Momenten, die zum Verweilen einladen.
Doch noch etwas anderes an diesem Abend hat mein Interesse geweckt:  Künstler und Publikum saßen direkt vor einer riesigen Schaufensterscheibe, den Blicken der Passanten schutzlos ausgeliefert. Fast nackt. Ich habe versucht, diesem Gefühl nachzuspüren, es zu erkunden.

Was macht diese „nackte Welt“ mit uns und wir mit ihr?

In Glas gehüllt

Nackte Welt
In Glas gehüllt
Nackter Text
Nackte Musik
Verletzlich
Ungeschützt

Angezogen von dieser Welt
Fasziniert
Ausgezogen sie zu sehen       
Zu hören
Düstre Töne
Düstre Worte
Zu fühlen
Reine Welten

Ich fühle
Nackte Welt
In Glas gehüllt
Reiner Text
Reine Musik
Pure Anziehung

 

Februar 2018

Die Flügel der Menschen
lassen mich nicht los. Also stelle ich zwei weitere Texte zum Thema Centaur ein:

Kentaurenblues
von Jan Wagner

Die Centauren berühren. Wie sonst ist es möglich, dass Jan Wagner dieses faszinierende Gedicht verfasst hat? Ich weiß nicht, ob auch er den Film „Die Flügel der Menschen“ gesehen hat, aber das ist eigentlich auch nicht wichtig. Muss man für so ein Gedicht den Film überhaupt sehen oder muss man sich einfach nur mit dem Thema beschäftigen, um zu fühlen und zu wissen was Rückbindung ist, was Natur bedeutet? Märchen, Mythologie und ein Gefühl für all die großen und kleinen Dinge, die sich zwischen Himmel und Erde abspielen, tragen wir vielleicht alle in uns.

Auch Gabriele Smekal wollte dem Gefühl von etwas Größerem auf den Grund gehen und zeigt mir und allen Lesern, was Vermächtnis bedeuten kann. Sie zeigt Ewigkeit und Endlichkeit.Gegenteile? Dasselbe? Sich einschließend oder sich ausschließend?

Vermächtnis

(für Centaur aus dem Film "Die Flügel der Menschen" und meinen Vater)

Nachts fliegt er los
Ein Gefangener
Der Arbeit
Der Bindung
Der Konvention
Nachts fliegt er los
Breitet weit
Ganz weit
Die Arme aus
Umarmt die Welt
Im Liebesrausch

In seinen Filmen
Entflieht er in Bilder
Bilder
Weichgezeichnet
Im  Nebel der  Zeit
Bilder
Voll Anmut und Poesie
Bilder
Die ihn träumen lassen
Und dich
Und mich
Von fernen Tagen
Als die Phantasie
noch Heimat uns war

In seinen Geschichten
Erweckt er zum Leben
Den Zauber von Märchen und Mythen
Wenn er am Abend
An meinem Bett sitzt
Und die  geliebte Stimme
Mich mit auf Reisen nimmt
Sicher geführt
an der Hand meines Vaters
Zurück
In die innere Heimat
In der man noch eins ist
Mit der Natur
Mit Sonne, Wind und Schnee
Und vertraut
Mit Fuchs und Hase
Und dem alten Bärn,
Der unsre tiefsten Geheimnisse wahrt.

Im Namen des Vaters
Erinnere ich
Im Namen des Kindes
Liebe ich
Im Namens des  Geistes
Beginne ich zu verstehen

 

Januar 2018

Der Film Die Flügel der Menschen des kirgisischen Regisseurs Aktan Arym Kubat erzählt in wunderbar poetischen Bildern die Geschichte des Filmvorführers und Pferdediebes Centaur,
in der sich der Verlust von kultureller Identität in einem Land zwischen nomadischer Tradition und einer sowohl wirtschaftlich als auch von Islamisierung geprägten Moderne widerspiegelt.

Nach innen

Wild
Ungezähmt
Ungehalten
Auf dem Weg
Auf dem Weg
In die Zukunft
Noch unbestimmt
Die Richtung:
Immer weiter?
Wenden und zurück?
Vielleicht gen Himmel
Auf den Gipfel des Heiligen Berges?

Nein
Den Blick weder vor noch zurück
Die Augen
Wie es Kirgisien verlangt
Wie es die zerklüfteten Bergketten
Die stahlblauen Seen
Die Manas und Zentauren
Die stoisch den Weg weisenden Ältesten
Wie es die Flügel des Menschen lehren
Die Augen
Geschlossen

Geschlossene Augen
Freie Herzen
Den Blick
nach innen
gerichtet
Er wacht über den Kern
Die Essenz eines Landes,
Das sich selbst erkennen muss
Über die Natur
Wie Sie wild
Ungezähmt und ungehalten
Die Seele des Landes beschützt

 

Dezember 2017

Warum nicht aufbrechen, wandern, die Welt erkunden? Immer wieder frage ich mich, wohin die Welt mich treiben wird. Doch warum in die Ferne schweifen?
Die weite Welt beginnt direkt unter meinen Füßen, hier, jetzt, sie beginnt bei mir.

 

Weite Welt

Wohin wandern Weltenwandler
Wenn weich wogende Wellen Weg bereiten
Welch wohltuender Walkürenritt
Welch Wagenrennen, Wolkenbruch

Wunderland Wertachauen
Wunderland weite Welt

 

November 2017

Was macht den Text zur Poesie, wie kommt Zauber in die Sprache und was geht verloren, versucht man sie zu übersetzen? Nimmt man ihr die Essenz, das Wesentliche oder gibt man ihr etwas, etwas Neues, Eigenes?

Bei einem meiner liebsten Gedichte von Kate Tempest finde ich, sieht man, was eine Übersetzung ausmacht. Wie wichtig das Gefühl und die Achtsamkeit beim Umgang mit fremden Texten sind. Ich finde hier ist es wunderbar gelungen. Man spürt den gleichen Zauber und zudem eine andere, bereichernde Seele, die den Text belebt.


The point

The days, the days they break to fade.
What fills them I“ll forget.
Every touch and smell and taste.
This sun, about to set

can never last. It breaks my heart.
Each joy feels like a threat:
Although there´s beauty everywhere,
its shadow is regret.

Still, something in the coming dusk
whispers not to fret.
Don´t matter that we´ll lose today.
It´s not tomorrow yet.

Kate Tempest



Der Punkt

Die Tage kommen, um zu gehen.
Was war, ist bald vergessen.
Jedes Tasten, Riechen, Schmecken.
Der Sonnenuntergang

ist bald vorbei. Es bricht mein Herz.
Bedrohlich jede Freude:
die Schönheit ist zwar überall,
bloß heißt ihr Schatten Reue.

In aller Frühe raunt es dennoch,
vergiss nur deine Sorgen.
Egal, dass heute wir verlieren.
Es ist ja noch nicht morgen.

Kate Tempest

 

September 2017

Die Sommerpause ist zu Ende! Der Start ins neue Schuljahr beginnt mit einer Reihe von Gedichten, die auf meiner Reise nach Kirgistan enstanden sind.


Seelensuche in der Natur

Wo, wenn nicht alleine in unberührter, fast feindlicher, menschenleerer und nach Seelensuche schreiender Natur, kann sich Geist öffnen, können sich Geist und Gedanke in Texte bannen lassen? Maia Beldner, Gabriele Smekal und ich haben uns in Kirgistan inspirieren lassen. Wir haben die gewaltige Natur dort auf uns wirken lassen und versucht, sie auf Papier zu bringen.
Die Texte, die wir in wunderbarer Atmosphäre auf unserer Vernissage lesen durften, habe ich nun auch in meine Wochenpoesie gestellt.

Lassen Sie sich in ein Land entführen und in die Gedanken und Gefühle von drei faszinierten Menschen.

 

Essenz des Lebens

 
Ein Lächeln
Ein Land
Emotionen
Am Fuß des Berges eingefangen
Auf Bergspitzen getragen
Und in die Welt zurückgespült
Von lichtdurchfluteten
Die Luft belebenden Wassertropfen
Von Atemzügen
Augenblicken
Und Menschen
Die berühren

Ein Lächeln
Ein Sonnenuntergang
Ein Rückzug
In die Gemeinschaft
In die Yurte

Wir leben
Leben zum ersten Mal?

Der Poet

 

 

Im Fluss?


Zwei  Kessel
Rußgeschwärzt
An offener Feuerstelle
Auf gestampftem Lehm
Am Bergbach
Unter freiem Himmel
Feuer
Erde
Wasser
Und Luft

Ich bin

Im blanken Kessel
Ein Lamm
Die Knochen
Der Schädel
Das Herz
Stunde um Stunde
Gegart im dampfenden Sud
Ein Festmahl für Gäste
Ein Festmahl für uns

Bergkräuter
Gegrast heute früh
Auf der Wiese
In der Kühle des Morgentaus
Gewärmt vom lockigen Fell
Und nun wird dein Fleisch
In Stücke gehackt
An die Runde der Fremden verteilt

Der Wunsch dir zu danken
Als ein Stück
Deines Herzens
Ich langsam kaue im Mund
Und dein Schädel
Dort auf dem Teller
Aus leblosen Augen blickt

Der Wunsch dir zu danken
Dem Kreislauf des Lebens
Werden und Vergehen
Alles  im Fluss

Microwelle
Smoothiemaker
Tupperware
Thermomix
Fertigpizza
Tütensuppe
Ketchup Flasche
Soßenfix
Schnelle Küche
Leichte Küche
Kalte Küche
Manchmal nix

Nahrungsmittel
Konserviert
Sterilisiert
Manipuliert

Bin ich?

Gabriele Smekal

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Im Nest der Welt

 
Ein Moment
Wird wahr
Wird echt
Schafft Natur
Einigkeit
Schafft mich
Löst mich auf
Und verbindet mich
Mit Sandkornwogen
Und Wellen,
Die gen Horizont reiten

 
Gebettet in mein Nest
Geschützt
Geborgen
Erfahre ich ein Märchen
Werde still
Ruhig
Werde eins
Innerlich
Äußerlich
Werde eins mit der Natur

Ich schließe meine Augen
Lebe durch die Welt
Lebe in ihr
Mit ihr
Ein Lächeln
Ewig bleibt ein Lächeln
Und Frieden in meinem Nest

Der Poet

 

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Ganz bei mir

 
In der Morgendämmerung
Vor dem Klohäuschen
Die kalten Füße
Im taufeuchten Gras
Donnerbalkengeruch
In der Nase
Die Knochen noch steif
Von der Nacht in der Yurte
Mein Spiegelbild
Seit Tagen
Nicht mehr gesehen
Stehe ich ungeschminkt
In der Landschaft
Die strubbligen Haare im Wind
Und sehne mich leise
Ganz leise
Nach meinem Bett daheim
Nach Daunenweich
und warmem Espressoduft

Sanft erzittert die Erde
Unter meinen Füßen
Im taufeuchten Gras
In der Morgendämmerung
Vor dem Klohäuschen
Ein herber Geruch erfüllt die Luft
Das Zittern wird zum Beben
Und eine Pferdeherde
Galoppiert  den Hang hinab
Vorbei an mir
Bleibt schließlich stehen
Ganz nah
Ganz nah bei mir
Eine Stute mit ihrem Fohlen
Blickt mich an
Stolz erhobenen Hauptes
Prüfend
Unverwandt
Wie es nur Tiere tun

Ich halte den Atem an
Stehe still
Wie eine Pflanze fast
Und erkenne
Erkenne im Irisdunkel
Mein Spiegelbild

Einen unendlich kostbaren
Augenblick lang
Bin ich eins
Eins mit der Natur
Und zugleich
Und zugleich
Ganz bei mir

Gabriele Smekal

 

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Die Unendlichkeit

Salzig süß
Glückliche Tränen
Fließen
Umspielen die Szenerie
Zeigen mich
Zeigen meine Welt
Überraschen, überrumpeln
Und berühren mich
Meine Gedanken fließen in die Welt
Werden Wort
Werden Träne
Ich höre gebannt
Werde gebannt
Kann nachfühlen
Kann fühlen
Kann einen Text sehen
Einen Text
Wie er Räume füllt
Alles schwindet
Relativiert
Und vergisst sich

Nur eines bleibt
Eines wird alles
Wird Raum
Wird Wort
Bestimmt meine Welt


Der Poet

 

 

Gedicht der Woche (17. Juli 2017)


Barfuß

 
Grellhellgelbweiße Sonnenkugel am Himmel

Ausgehauchte Rauchschwaden, die vorbeiziehen

Und Melodien,

Rythmen

Und schwindende Textfetzen

Zerren,

Zupfen

Und reißen an meinen Schultern.

 

Sie flüstern meiner Seele ins Ohr,

Bringen sie auf Gedanken,

Holen sie auf den Tanzboden der Welt

Und ziehen ihr die Schuhe aus.

 

Meine Seele schließt die Augen,

Spürt Sonnenstrahlen auf den Zehspitzen

Und tanzt

Drei Tage,

Drei Nächte

Ein Leben lang.

 

 

Gedicht der Woche (26. Mai 2017)

Sprachgewaltig

Was passiert, wenn man 13 Menschen, die für gewöhnlich nicht viel Berührung mit poetischer Sprache haben, folgende Aufgabe gibt:  „Schreibt ein Gedicht mit nur fünf Wörtern.“
Sprachlosigkeit, Unlust, Skepsis, Verwirrung. Diverse Reaktionen konnte ich wahrnehmen, als ich diese Aufgabe „meinen Schülern“ in einer Unterrichtseinheit im Deutschunterricht gestellt habe, nur leider nicht allzu viele positive. Die Menschen haben verlernt, ihre eigene Sprache zu lieben. Sie haben vergessen, dass jeder von uns wunderbare Sprache in sich trägt.
Ich habe zu meinen Mitstudierenden gesagt: „Ich gebe euch dazu noch eine Stimmung“,  habe leise Musik im Hintergrund laufen lassen und ihnen Zeit geschenkt. Es dauerte nicht lange bis sie gebannt waren, gebannt von ihren eigenen Gedanken. Ich hatte bewusst keine Zeit vorgegeben und ihnen einfach Freiraum gelassen. Das war die richtige Entscheidung, denn sie waren nicht mehr aufzuhalten. Es wurde  geschrieben und geschrieben, bis ich die Musik nach einiger Zeit ausklingen ließ und meine kleinen Poeten aus ihrer Trance zurückholte.
Dann haben wir  uns gegenseitig unsere Texte vorgetragen, wir haben einander zugehört und unsere Poesie wertgeschätzt. Es waren wunderschöne Momente, die wir geteilt haben. Ich hätte nie gedacht, dass die Studis sich jemals  streiten würden, wie viele Texte jeder vortragen darf. Nicht wie viel sie vorlesen müssen, wie viele sie vortragen dürfen.

Ich will euch natürlich solch tolle Texte nicht vorenthalten und stelle sie deswegen diese Woche für euch ein.

Was kann man sich schöneres vorstellen, als gesagt zu bekommen, dass man die Leidenschaft für Sprachen in jemandem geweckt hat, jemand, der sie selbst nicht in sich vermutet hätte?

 

Ungehalten

Im Fluss

der Zeit

 

Sanfte Töne

Ergreifend

In mir

 

Federleicht,

Zart wie hart

Geliebt

Gelebt

 

Die Schönheit

Töne

Des Klaviers

 

Gefühlvoll

Berührend

Töne

Des Klaviers

 

Gedanken

Erinnerungen

Hoffnungen

des Glücks

 

Erwartung

Angst

Enttäuschung

Ein Ziel

 

Druck

Ist Schmuck

Der drückt

 

Wille

Motivation

Und der Erfolg

 

Fehlt der Kampfgeist,

Fehlt Geist.

 

Wohin wir treiben,

Treibt Wut.

 

Gedanken fliegen

Angst

Zuversicht

Liebe

 

Wut

Verzweiflung

In der Falle

 

Musik

Eine Melodie

Sie tanzt

 

Ein Blick,

Nichts,

Nichts,

Alles

 

Schattenleben

Ein Kronendach

Und Zeit

 

Blau

Beseelt

Und doch gefangen.

 

Welt

in Schemen

Seelen schattiert

 

Gruppe W3

 

 

 

Gedicht der Woche (8. Mai 2017)

Zwei Bewegtheiten

Die kleinsten der kleinsten Lichter
verschwinden schon nach der nächsten Brücke.
Der schwarzgraue Himmel saugt sich noch deren letzten Farben
und schimmert in Gelb und Rot.
Die Sterne sind heute nicht zu sehen,
sehen sie uns?
Vielleicht sehnen sie sich nach unsrem Licht.
Nach dem nächsten Hügel seh ich schon durch eine Rauchschwade das nächste Licht.
Es kommt von einem Schloss,
das in vielen Farben glitzert.
Doch als es weiß erstrahlt,
war der Zauber weg und was in der Ferne blieb,
war klein.

Man steht vor einer Schwelle,
von der man nicht weiß,
ob sie ein Wasserfall oder doch nur eine Tür ist.
Sie ist schwarz von den vielen Dingen,
die sie schon gesehen hat,
doch wer hat sie schon gesehen?
Ein Schritt ist manchmal ein Schritt zu viel, doch nur nicht aus der Ferne,
aus der die Schwelle schon gar nicht mehr so schwarz aussieht.
Beim Vorbeigehen ist sie schon ganz anders und als jemand anderes in ihre Nähe kam, noch mehr.
Als würde sie sich formen durch den, der vor ihr steht.

Alexander Litzel

 

Interview mit Alex Litzel, der meine Leidenschaft für Kunst und Literatur teilt, und während seiner Zeit hier am Staatsinstitut einen Roman geschrieben hat:

 

Michael: Alex, du hast gesagt, du schreibst – was schreibst du denn?

Alex: Gedichte, kurze Texte und seit ich 15 bin schreibe ich an einer großen Geschichte.

Michael: Ein Roman also?

Alex: Genau, ein Roman, ein Fortsetzungsroman. (Legt ein dickes Buch auf den Tisch.)

Michael: Ich halte hier ein Buch in Händen, das so schwer ist, dass ich wahrscheinlich nie anfangen würde, es zu lesen, weil es mir zu viele Seiten wären. Worum geht’s?

Alex: Es geht um einen Jungen, der durch einen Unfall seine Eltern verliert und dadurch in eine Identitätskrise gerät.

Mi

Schael: Wie lange hast du dran geschrieben?

Alex: Ich habe mit 15 begonnen, fertig geworden bin ich mit 21. Das Problem daran ist, dass ich mit 15 einen ganz anderen Schreibstil hatte als mit 20. Ich hab mich aber dagegen entschieden, das dann im Nachhinein aneinander anzugleichen, um das Werk authentisch zu erhalten. Ich schreibe gerade an der Fortsetzung, in der ich das wiedergutmachen möchte, die also homogener werden soll. Das Projekt zieht sich allerdings ein bisschen hin, da kam das Ref dazwischen und ich hatte nicht viel Zeit und auch nicht genug Kraft, daneben noch groß an meinem Roman weiterzuschreiben.

Michael: Wie heißt dein Buch überhaupt?

Alex: Ke°Ka°Ze.

Michael: Ke°Ka°Ze?

Alex: Ja, das kommt aus dem Japanischen, bedeutet aber nicht wirklich was. Ich fand einfach den Klang so schön.

Michael: Wieso Japan?

Alex: Ich bin eigentlich schon seit ich denken kann Comic- und Animefan und darüber bin ich auf Japan gekommen. Japan hat für mich eine sehr interessante Kultur, weil die Japaner einerseits sehr konservativ und streng sind, andererseits aber junge Leute es schaffen, durch dieses Thema, Comic und Anime, da auszubrechen und sich auszudrücken. Das ist ziemlich extrem und das finde ich spannend.

Michael: Warum hast du einen dicken Roman geschrieben und dich nicht dafür entschieden,  einen Comic zu entwickeln, nachdem du schon immer Fan davon bist und auch gern zeichnest?

Alex: Das lag wahrscheinlich daran, dass ich schon mit 15 angefangen habe und der Fokus nicht so hundertprozentig auf der Idee lag, da mach ich jetzt ‘nen Comic draus. Ich schrieb damals einfach so los. Allerdings bringe ich mir gerade bei, am PC zu zeichnen und versuche, ein paar Szenen aus der Geschichte als Comicblatt darzustellen und dann die Fortsetzung in dieser Weise weiterzuentwickeln.  Der erste Teil des Romans liest sich, zumindest phasenweise, tatsächlich bereits eher wie ein Comic, gerade die Schnelligkeit einzelner Szenen geht in diese Richtung.

Michael: Das ist schon beeindruckend, was du für ein Durchhaltevermögen hast! Du fängst mit 15 an und schreibst bis 21 ein 600 Seiten Buch – so neben der Schule und der Ausbildung her. Für mich reicht´s da meistens nur für Gedichte. Ich bin viel zu impulsiv, ich könnte da nicht so lange dran bleiben.

Alex (lacht): Komischerweise hab ich genau die gleiche Meinung von mir, dass ich eher zu wenig mache. Ich kenne Leute in der Szene, die viel mehr schreiben als ich und dazu noch viel besser und ich denke auch immer, ich leiste eigentlich viel zu wenig. Verrückt, dass wir von uns selber so oft das Gefühl haben, einfach nicht genug zu geben!

 Michael: Woran hängt dein Herz mehr, am Zeichnen oder am Schreiben?

Alex: Am Zeichnen. Zeichnen fällt mir leichter. Wenn ich das Gefühl für das Schreiben gerade nicht hab, den Drang nicht hab, die Worte nicht find in mir, dann sitze ich da, kann nur zwei Wörter schreiben und muss dann wieder aufhören. Zeichnen fällt mir leichter, das hat auch was Motorisches, man bewegt die Muskeln seiner Hand, kommt sozusagen dadurch in Fluss, auch wenn man vielleicht zunächst noch gar keine klare Idee im Kopf hat, entsteht da trotzdem was. Beim Schreiben funktioniert das nicht, das ist viel abstrakter.

Michael: Zeichnen ist mehr ein Prozess, vielleicht auch spielerischer, man fängt an, fügt ein bisschen hinzu, überzeichnet vielleicht was.  Schreiben ist endgültiger.

Alex: Ja, beim Schreiben brauch ich mehr Energie. Da braucht man schon einen Plan.

Michael: Dann könnte man bei mir sagen, ich zeichne mit Sprache. Ich fang tatsächlich ohne Plan an. Lege einfach los mit einem Gedicht, fange eine Emotion oder Situation skizzenhaft ein, aber eben in Sprache. Und diese Skizze bearbeite ich dann weiter, lasse den ersten Entwurf meistens erst mal in der Schublade ablagern, um mir das dann mit etwas Abstand noch mal anzuschauen und dann die endgültige Form festzulegen.

Alex: Das fällt mir schwer, bei mir muss alles aus einem Guss entstehen.

Michael: Bei manchen Gedichten gelingt das auch, die sind sofort richtig wie sie sind. Bei anderen ist es ein längerer Prozess.

Alex: Ich steig inzwischen oft übers Zeichnen in meine Geschichte ein, entwickle meine Charaktere erst im Skizzenbuch und das inspiriert mich dann zum Schreiben. Mir macht es Spaß, Charaktere entstehen zu lassen, mir auszudenken, wie ich sie ein bisschen quälen kann (Lacht), damit die Geschichte spannend wird und realitätsnah. Schreiben ist für mich eine Möglichkeit, mich für ein paar Stunden aus dieser Welt zu entfernen und in eine andere Realität einzutauchen.

Michael: Ich könnte mir vorstellen, dass es bei dir so ist wie bei manchen anderen Menschen, die sich viele Gedanken machen, die die Dinge hinterfragen. Das kann so belastend sein, dass diese Menschen dann kleine Fluchten zum Auftanken brauchen und sich ein Stück weit ihre eigene Welt erschaffen müssen, damit sie die Realität leichter ertragen können.

Alex: Da fühl ich mich jetzt sehr schnell analysiert… ja, guter Punkt! Sehr guter Punkt.

Michael: Ich kenn das auch gut, mich stresst die Welt und ich ziehe mich in meine kleine lyrische Blase zurück.

Alex: Ja, man schafft sich ein eigenes Happy End im Kopf und schenkt das dann vielleicht auch dem Leser, der das nachempfindet, ändert also auch ein Stück weit seine Realität. Das ist ja wahrscheinlich der Grund, warum wir überhaupt lesen. Aber es geht natürlich nicht um eine rosarote, sorgenlose Welt als Gegenentwurf zur Realität, das wäre zu flach, sondern es geht auch darum, unseren Schatten zu begegnen, also sich in der Literatur seinen Ängsten zu stellen. Ich glaube an ein Gleichgewicht in der Welt, ohne Schatten kein Licht, es gibt immer beides, und es muss auch in der Literatur immer beides geben, damit sie wahrhaftig wird.

Michael: Du sprichst von realitätsnaher, wahrhaftiger Literatur und schreibst Fantasyromane. Wie passt denn das zusammen?

Alex: Hm, ja, im Fantasyroman fällt es mir, glaube ich, leichter, Inhalte, die ich verarbeiten muss, angemessen für den Leser zu verpacken. Ich führe aber auch seit vielen Jahren Zeichentagebücher. Da hat mich Frau Smekal damals am Institut drauf gebracht und jetzt hab ich schon etliche Skizzenbücher gefüllt. Das ist natürlich auch ein Weg, Welt zu verarbeiten.

Michael:  Hast du eigentlich auch Gedichte von dir dabei?

Hörprobe

Zwei Bewegtheiten

Michael: Willst du was dazu sagen?

Alex: Nein, ich will da nichts festlegen. Da soll jeder rauslesen, was er will.

Michael: Mich würde noch interessieren, welche Erfahrungen du mit deinen Schülern mit Sprache machst. Mir fällt auf, dass inzwischen viele Menschen kaum noch Bezug zur geschriebenen Sprache haben oder sich sogar davor scheuen zu schreiben.

Alex: Ich habe in diesem Schuljahr im Kunstunterricht Typografie thematisiert. Jeder Schüler sollte sein eigenes Zitat schreiben. Also kein übernommenes, von Einstein oder Steve Jobs zum Beispiel, das sind ja letztlich auch nur Menschen, sondern ein eigenes entwickeln. Die Aufgabe lautete:  „Welchen Gedanken möchtest du persönlich in der Welt hinterlassen?“ Das war provokant. Es kam da auch von einigen Schülern was Authentisches dabei raus, viele Schüler hatten aber Schwierigkeiten damit sich auszudrücken und haben dann letztlich einfach was kopiert.

Michael: Ich habe oft das Gefühl, dass es ein gesellschaftliches Problem ist, dass Sprache einfach nicht mehr so wertgeschätzt wird. Vor kurzem habe ich ein Experiment am Institut veranstaltet und ließ im Deutschunterricht meine Mitschüler Gedichte schreiben. Erst stöhnte jeder: „Ich kann das nicht!“ Und dann kamen echt faszinierende Ergebnisse zustande, manche konnten gar nicht mehr aufhören zu schreiben und es war überraschend, wie viel Begeisterung da plötzlich zu spüren war. Ein schönes Gedicht ist ja auch tatsächlich wie ein schönes Bild, das man genießen kann. Wir scheinen das aber irgendwie vergessen zu haben in unserer Medienflut.
Letzte Frage: Was wäre denn dein persönlicher Gedanke, das du als Zitat an die Welt weitergeben würdest?

Alex: Oh je, gar nicht so einfach! Da muss ich echt erst mal nachdenken. Vielleicht ist es in etwas Folgendes:  „Wenn man teilhaben möchte an der Welt, dann muss man ab und an mal Abstand nehmen, zurücktreten und die Dinge aus einiger Entfernung betrachten, damit man den Überblick über das Ganze nicht verliert.“ Jetzt interessiert mich aber natürlich auch dein persönliches Motto!

Michael:  Ich würde mir wünschen, dass die Menschen, bevor sie hunderte oder tausende von Kilometern in die Ferne schweifen, einfach mal einen Blick auf ihre eigenen Füße werfen, denn direkt zu unseren Füßen liegt der Weg unseres Lebens. Nimm die Kleinigkeiten wahr, genieße und schätze die Dinge, die dich umgeben.

 

 

 

 

Video: Maia Beldner

 

Was ist Poesie?

Penetrantes Weckerklingeln, viel zu früh. Einfach  draufschlagen? Weiterschlafen? Noch mal umdrehn und dann doch aufstehn,  Schneematsch im April. Radfahrn bei dem Wetter? Nein, also Straßenbahn, Gedrängel, Enge, Gestank,  pubertierende Jugendliche, so beginnt ein klassischer Scheißtag, Rein ins Institut, spontan kein Bock, Schule bis um fünf, Stillsitzen im kalten Licht der  Computer, Beine und Hirn schlafen ein, raus aus`m Institut, immer noch Schneematsch, Abendessen, Auflauf von gestern, abspülen, abtrocknen, aufräumen, endlich auf´s Sofa, natürlich arschkalt, also einheizen, Holz aus dem Keller holen, Spelter in den Finger rammen, fluchen, Feuer anzünden.

Flämmen tänzeln

Umspielen glühend verkohltes Holz.

Wie Feuer doch zaubert

Bezaubert, verzaubert

Es wärmt.

Langsam wärmt meine Seele,

Losgelöst von der Welt

Begegnet sie mir

Langsam wärmt meine Seele.

Ein Lodern

Im Augenwinkel

Ich wandle zwischen den Welten

Bilderwelten

Wandle meinen Gedanken nach

Wandle in der Welt.

 

Feuer verzaubert

Verzaubert mich

Verzaubert unsere Seele.

 

Das Gedicht „Was ist Poesie?“ ist meine Antwort auf Ulrike Draesners Gedicht What is poetry?


Was ist Poesie?
Reim, Metrum, Versmaß?
Oder vielmehr das kleine Wunder, das immer dann geschieht, wenn wir dem Alltag für einen Moment in Gedanken  entfliehn, um abzutauchen in die Bilderwelten unserer Seele?

 

INFO

Ulrike Draesner, am 20. Januar 1962 in München geboren, lebt gemeinsam mit ihrer Tochter als freie Schriftstellerin in Oxford und Berlin. Sie publizierte in den vergangenen zwanzig Jahren fünf Gedichtbände, fünf Romane, mehrere Erzähl- und Essaybände, Hörspiele, Übersetzungen und beteiligte sich an zahlreichen intermedialen Projekten.

 »Ich schreibe, um hörbar zu machen, in Sprache zu übersetzen, was gemeinhin nicht gesprochen wird, nicht sprechbar scheint.«

 Quelle: www.draesner.de

 

 

Mooserfüllt

Ein Klang erfüllt die Luft,

Fängt sie ein,

Die Seele,

Die Seele der Welt,

Umschließt sie

Und hält sie

Ganz sanft.

Er trägt sie davon,

Lässt sie schweben

Wie Nebelschwaden,

Die über den Waldboden ziehn,

Über zartes, schmeichelndes Grün,

Über Moos,

Das leise schimmert.

Über Moos,

Das den Waldboden weicht.

 

Ich höre, sehe und fühle

Bin ganz.

 

 

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