Was macht den Film "Loving Vincent" so einzigartig und worin liegt der ganz besondere Zauber der Dokumentation "Leaning into the Wind"? Beide Filme befassen sich auf sehr spezielle Art mit dem Leben eines außergewöhnlichen Künstlers, beide Filme leben von berauschend schönen Bildern.


Loving Vinvcent
(Rezension von Charlotte Kraus)

Wahnsinn!

Das war der erste Kommentar von mir und meinem Vater, als sich die Vorhänge des Kinosaales nach dem Film „Loving Vincent“ wieder schlossen. Doch jetzt einmal ganz von Anfang…

Wir schreiben das Jahr 2017. Heute am 31.12, einem ungewöhnlich sonnigen Sonntag, entschlossen wir (mein Papa und ich) den Film Loving Vincent im Thalia anzuschauen. Im Foyer ist es selten so voll gewesen wie an diesem Tag. Der Kassierer ist den gewaltigen Ansturm von Kunden anscheinend auch nicht gewohnt, denn er winkt verzweifelt mit Kinokarten herum und schreit dabei die Namen der Reservierungen. Als wir an die Reihe kommen, heißt es: „Hier sind die letzten beiden Karten für `Loving Vincent‘! Ich hoffe erste Reihe ist in Ordnung.“  Also sind wir zum Glück gerade noch so ins Publikum gerutscht!

An dieser Stelle direkt mal der erste Tipp für Filminteressenten: Die erste Reihe ist vielleicht bei jedem anderen Film eine schlechte Wahl. Bei diesem nicht!

Der Film ist keine typisch trockene Dokumentation des Lebens eines Künstlers. Im Gegenteil! Zum einen ist er eine völlige Neuschöpfung der Filmtechnik und zum anderen ein Film, der die Zeit nach Van Goghs Tod und das Mysterium seines Todes als Inhalt trägt – nicht sein Leben.

Im Film geht es um einen Brief. Dieser Brief wurde von Van Gogh vor seinem Tod verfasst und soll im Verlauf des Filmes erst seinen wirklichen Empfänger finden. Der Brief wird von einem Mann im gelben Anzug durch Van Goghs Vergangenheit getragen. Der Anzugträger findet auf der Suche nach dem wahren Empfänger des Schreibens eine Menge über Vincents Leben als Künstler und als Mensch heraus. Außerdem lernt er Menschen kennen, die Vincent zu Lebzeiten durch viele Krisen begleitet hatten und hinterfragt den Selbstmord Van Goghs, mit dem scheinbar jeder Filmcharakter in Berührung gekommen ist. So erfährt der Zuschauer nicht nur wunderbare Details aus Van Goghs Leben –  sondern gleichermaßen betroffen machende Beweggründe für seinen Suizid.

Für jeden kunstliebenden Menschen ist dieser Film ein Muss, denn er wird nicht wie herkömmliche Filme durch Schauspieler verkörpert. Er wurde gemalt. Dafür wurden über 100 ausgewählte Ölkünstler angestellt, um die Filmszenen in Van Goghs expressivem Duktus zum Leben zu erwecken. Für die gesamte Filmproduktion wurden mehr als 65.000 handgemalte Ölgemälde angefertigt. Pro Sekunde tanzen 12 dieser Gemälde über die Kinoleinwände. Diese wurden durch abgefilmte Elemente mit echten Schauspielern unterstützt, die aus Van Goghs Originalportraits der darzustellenden Personen ausgewählt wurden. Außerdem tauchen auch 120 von  Vincent Van Goghs eigenen Werken als „Drehorte“ auf. Und es wurden für die korrekte Filmhandlung 800 Originalbriefe von Van Gogh gelesen und analysiert.

Der Film gibt den typischen Stil Van Goghs unverkennbar wieder. Man könnte fast meinen, er selbst schwingt durch jede dieser malerisch animierten Szenen mit, obwohl der Film in einer Zeit nach seinem Tod spielt.

Man lernt Vincent Van Gogh auf ganz neue Art und Weise kennen. Einen Mann, der mit 28 Jahren zum ersten Mal in seinem Leben einen Pinsel angerührt hat und dann 8 Jahre später Bilder malen konnte, die ich in zwei Leben nicht werde malen können. Er selbst beschrieb sich in besagtem Brief als einen Taugenichts, als eine Last für jeden Menschen, der ihm begegnet war, als „das Niederste des Niedersten“, als NICHTS. Zu Lebzeiten verkaufter der heute so gefeierte Künstler ein einziges seiner Werke – alles andere wurde erst nach seinem Tode gewürdigt. Trotzdem war es jedem seiner Mitmenschen schon früh bewusst: Vincent wird einmal einer der größten seiner Art. Und damit sollten sie Recht behalten! Heute hängen Van Goghs Werke nur in den größten Sammlungen der Moderne.

Vincent sagte einmal „Wir können nur durch unsere Bilder sprechen“. Dieser Film nahm sich dieses Zitat zu Herzen und schaffte in Van Goghs Namen eines der wohl größten Gesamtkunstwerke der heutigen Zeit.

 

Leaning Into The Wind
(Rezension von Al Smek)

Klack! Klack! Klack! Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich auf einer Exkursion in die Alpen in der Morgendämmerung im Flussbett eines Wildbachs saß und versuchte, mit einem Eispickel Kieselsteine in exakt zwei Hälften zu spalten, um so, inspiriert durch ein Werk Andy Goldsworthys, eine schwarze Linie in die Landschaft zu zaubern. Der Haufen total zertrümmerter Steine neben mir wurde immer größer, das Erfolgserlebnis, genau zwei Hälften zu schaffen, blieb selten. Ich war absolut versunken in mein Tun, vergaß so völlig Zeit und Raum wie schon seit Kindertagen nicht mehr.


Bildquelle: Al Smek

Nun, 20 Jahre später, begegne ich diesem Werk Andy Goldsworthys, das mich damals so sehr fesselte, im Thalia Kino wieder, allerdings in einer ganz anderen Dimension: Aus den Kieseln sind riesige Findlinge geworden, die mühsam in zwei Hälften gesprengt wurden. Und der Riss ist nun so tief und breit, dass der Künstler hindurchlaufen kann, fast wie durch eine Gletscherspalte. Welch immenser Wandel von einem unspektakulären Eingriff, der nur bei genauem Hinsehen als menschliche Komposition im Flussbett sichtbar war, hin zu einer gewaltigen, mit Baggern geschaffenen, begehbaren Skulptur in der Natur! Dies zieht sich als roter Faden durch den Film „Leaning Into The Wind“: Goldsworthys Objekte sind größer geworden, fast monumental und oftmals wird der Körper des Künstlers Teil seiner Arbeit. Die Grenzen zwischen Land Art und Performance verschwimmen,  wenn Goldsworthys Körpersilhouette Teil des Geästs eines Baumes wird, wenn er im Regen Abdrücke seinen Körpers auf dem Asphalt entstehen lässt, wenn er die Landschaft mit riesigen, sarkophagartigen Steingebilden durchzieht, die in ihrer Form an menschliche Körper erinnern und in die sich der Mensch tatsächlich hineinlegen kann. Es berührt den Zuschauer, wie Goldsworthy dort liegt, Teil des Steines, Teil der Natur, geschützt wie in einem Kokon und zugleich so unendlich verletzlich wie ein Embryo. Und dem Publikum stockt der Atem, wenn der Künstler sich gegen orkanartigen Wind stemmt, sein Körper selbst zur Skulptur wird in einem kurzen Augenblick der völligen Balance, bis ihn der Wind einfach umwirft und davonträgt wie gefallenes Laub. Diese Momente der vollkommenen Klarheit und Ausgewogenheit sind es, die Goldsworthy inzwischen in seiner Arbeit sucht. Das dekorative Element fehlt in seinem Werk in zunehmendem Maße, die philosophische Komponente tritt dafür immer deutlicher zutage.

We often forget that WE ARE NATURE. Nature is not something separate from us. So when we say that we have lost our connection to nature, we’ve lost our connection to ourselves.
                                                                                                                                                                                                                                            Andy Goldsworthy

Der Film macht Goldworthys Philosophie in einzigartigen Bildern sichtbar und fühlbar. Man möchte danach nicht einfach in die Straßenbahn steigen und heim in seine Wohnung gehen, sondern traumwandlergleich seiner Sehnsucht nach einem ausgedehnten Spaziergang im Regen draußen in der Natur folgen. Wer weiß, vielleicht gelingt es tatsächlich für einen kurzen Moment der völligen Balance, einfach die Arme im Wind auszubreiten, die Augen zu schließen und davonzufliegen?

 

Michael Schalk hat der Film "Leaning Into The Wind" weniger zum Fliegen inspiriert als dazu, seine Wege auf ganz neue, ungewöhnliche Art zu gehen. Diese Gedanken beschreibt er in seinem Gedicht "Heckenschreiten".

 

Heckenschreiten

Wie wandern wir,

Gehen wir,

Sehen wir die Welt?

 
Es ist kein Privileg,

Kein elitärer Gedanke,

Kein Ausschluss.

Es ist ein Zusammenschluss.

Es reichen Augen, die fühlen.

Herzen, die sehen.

Zehen, die Grashalme umspielen

Und mit schroffem Stein kämpfen.

Finger, die gelbleuchtende Ulmenblätter massieren.

Finger, die streicheln,

Zärtlich, hart und ungezähmt.

Ohren, so kindlich wie die Welt selbst,

Genießend und wartend.

Auf rauschende Bachlandschaften hörend.

Ohren, die ruhig, besinnlich werden,

Einkehren.

Es reichen Bäume, Blätter und Büsche,

Die wurzeln

Und Grundlage bilden für alles.

Flussbetten, die eigene Wege gehen

Und für Wandelnde eine Landkarte sind.

Felsen, wie sie seit Millennien bestehen,

Wie sie überdauern

Und Geschichten von Mut und Wahrheit erzählen.

 
Endlich eine Kunst, die nichts fordert.

Die nicht treibt oder eingrenzt.

Eine Kunst, die ist.

 
Es reicht eine Hecke, die eine Entscheidung verlangt,

Die zwei völlig unterschiedliche Sichtweisen

Auf die Welt zulässt:

Neben ihr,

Immer ein Auge auf sie gerichtet,

Abschätzend und fragend,

Ein wehmütiger Blick am Ende.

Oder mit ihr,

Sie durchschreiten,

Sie erfahren,

Mit der Hecke leben.

 
Kunst mit der Erde,

Weil wir Mensch sind,

Weil wir Natur sind.

 

 

 

 

 

 

 

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