Exkursion in die Glyptothek oder was würde Papst Franziskus wohl zum Barberinischen Faun sagen?

 

Amoris Laetitia: Die Freuden der Liebe

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Zeichnung-amoris-papst
Zeichnung-Teufel

Vor einigen Wochen waren wir Kunststudenten im ersten Ausbildungsjahr in der Glyptothek in München. Ich ließ die Ausstellungsstücke nacheinander auf mich wirken und war beeindruckt: Vor allem die „Alte Frau auf dem Markt“ besaß eine berührende Ausstrahlung, hochinteressant war auch der „Junge mit Gans“.

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Schließlich stand ich vor dem Barberinischen Faun. Ich kann kaum beschreiben, was für eine Wirkung er auf mich hatte! Ich setzte mich einfach vor ihm nieder und war sprachlos. Es dauerte nicht lange, bis ich den Skizzenblock aus meiner Tasche nahm und zeichnen musste. Ich konnte nicht anders, als zu versuchen, den Geist dieser Marmorstatue einzufangen. Sie hatte mich in ihren Bann gezogen.


Der Faun, auf den ersten Blick ein muskulöser junger Mann, liegt breitbeinig auf einem Felsen, den Kopf entspannt nach hinten gelegt,  die Augen geschlossen. Da er komplett nackt ist, stellt er seine Geschlechtsorgane offen zur Schau. Die gesamte Figur schreit förmlich: Lasziv! Erst auf den zweiten Blick erkennt man, dass der Schlafende Hörner unter seinen Locken verborgen hat und wenn man ganz herumgeht um diese überlebensgroße Skulptur, erblickt man überrascht seinen tierischen Schwanz. Der Faun ist ein mythisches Mischwesen, das Beine, Arme, Kopf und Rumpf eines Menschen und oftmals Hufe, Hörner und den Schwanz eines Ziegenbockes aufweist. Die Bezeichnung Faun, die sich allgemein eingebürgert hat, ist nicht ganz richtig, denn eigentlich handelt es sich bei dieser hellenistischen Skulptur um einen schlafenden Satyr, einer Gestalt aus der griechischen Mythologie, die zum Gefolge des Dionysos gehört, dem Gott des Weines, des Rausches und der Fruchtbarkeit,. Die hellenistische Marmorskulptur entstand um 220 v. Chr. und diente wahrscheinlich als Weihstatue in einem dionysischen Heiligtum.

Tagelang habe ich es nicht geschafft, den Faun aus meinem Kopf zu bekommen.
Vor allem die Tatsache, dass diese Skulptur, deren Haltung noch heute als provokant erotisch empfunden wird, in der Kaiserzeit nach Rom verschleppt und vermutlich zu einem Wasserspender im Bereich der Engelsburg umgearbeitet worden war, wo er im 17. Jahrhundert wiederentdeckt wurde und schließlich ausgerechnet in der Haussammlung des Familienpalastes des aus der Fürstenfamilie Barberini stammenden Papstes Urban VIII. landete…  Die Inquisition war zu dieser Zeit in vollem Gange, wer es vermeintlich mit dem Teufel hielt oder gar trieb, landete auf dem Scheiterhaufen. Und wie sah der Teufel, diese so gefürchtete Gestalt aus? Ein Mischwesen aus Mensch und Tier, oftmals dargestellt mit Hörnern, Schwanz und Ziegenfuß… Moment mal, das kommt uns doch bekannt vor? Aus unserem Faun, dem Satyr aus dem ausschweifend feiernden Gefolge des Dionys, des griechischen Gottes der Fruchtbarkeit, war offensichtlich der Innbegriff des Bösen, der schlimmste Gegenspieler des christlichen Gottes geworden. Dessen Vertreter auf Erden waren der gestrengen Meinung, dass Genuss und Sexualität eine Sünde darstellen, im Falle der Völlerei und der Wollust sogar Todsünden. Was um alles in der  Welt hatte da unser heidnischer Faun, in all seiner männlichen Pracht und vom ausschweifenden Feiern sichtlich erschöpft, ausgerechnet in päpstlichen Privatgemächern zu suchen?
Kurz darauf kam ein Bericht im Radio, der mich sprachlos machte: Amoris Laetitia. Die Freuden der Liebe. Nein, es ging nicht um den Dionysoskult im antiken Griechenland. Es ging dabei um ein nachsynodales Schreiben von Papst Franziskus, in dem er sich mit dem Thema „ Liebe, Familie und Sexualität“ befasst. Ich habe daraufhin im Internet ein wenig in das Schreiben hineingelesen und war beeindruckt, wie leicht verständlich und schön er es geschrieben hat. Franziskus geht auf die Punkte Liebe, Ehe, Familie, Erziehung und Sexualität ein. Ja, unser Papst schreibt über Sexualität! Ich habe kaum meinen Augen getraut…  Erst vor wenigen Wochen habe ich den Faun bewundert und mich in Zusammenhang mit seiner erstaunlichen Geschichte über die Haltung der katholischen Kirche gegenüber Sexualität aufgeregt, oft genug geprägt von Scheinheiligkeit und Doppelmoral,  und nun freue ich mich über die offenen Worte des Papstes. Ich könnte einige sehr interessante Meinungsänderungen der Kirche aufgreifen und erläutern, aber eine reicht mir vorerst vollkommen aus:

„.Wir dürfen also die erotische Dimension der Liebe keineswegs als ein geduldetes Übel oder als eine Last verstehen, die zum Wohl der Familie toleriert werden muss, sondern müssen sie als Geschenk Gottes betrachten, das die Begegnung der Eheleute verschönert.“
(Papst Franziskus)

Der Papst stellt offenen Herzens dar, dass Sex keinesfalls nur zur Fortpflanzung gedacht ist, sondern vielmehr „ein Geschenk Gottes ist“ und zu den schönsten Erfahrungen gehört, die ein Mensch machen kann. Er beschreibt, dass die Liebe, sowohl in einer Beziehung, als auch im gesamten Leben, das wichtigste ist und dass man sie immer achten und erhalten sollte.

Natürlich erlaubt er mit diesem Schreiben Homosexuellen nicht zu heiraten und acht Kinder zu adoptieren, Ehepaaren nicht, sich so oft scheiden zu lassen, wie sie wollen und nur noch verhüteten Sex zu haben.  Aber es ist ein Anfang. Stück für Stück revolutioniert Papst Franziskus die Kirche.

Und wer weiß, vielleicht steht der „Barberinische Faun“ bald im Petersdom in Rom? Nein, denn den geben wir hier in Bayern nicht mehr her!

Text: Der Poet
Illustration: Der Poet, Der Kreative Kopf
Fotos: Thomas Harteis

 

Doktrin

Einzig ich
Sehe die Farbenpracht,
Höre Melodien,
Fühle, woher alles kommt,
Wohin es geht
Und erkenne einen Sinn.
Meine Füße spüren den Sand,
Die Kälte, die zwischen meine Zehen kriecht.
Ich leite den Finger, wenn er die Baumrinde ertastet
Und schließe die Augen, um meine Gedanken zu hören.

Wer sollte es mir sagen,
Wie ein Leben zu leben ist,
Mein Leben zu leben ist?
Wer sollte es wissen, wenn nicht ich?
Keiner kann es mir sagen,
Keiner es wissen.
Einzig ich.

Der Poet, April 2016

 

Und noch ein Waldwesen, das wie der Faun mit dem Teufel in Verbindung gebracht wird:
Der Kobold Puck aus Shakespeares „Ein Sommernachtstraum“

 

Der Illustrator: Puck, der Waldelf


Puck or Robin Goodfellow is one of the most popular characters in English and Celtic folklore, being a faerie, goblin or devil. In fact, “Pouk” was a typical medieval term for the devil. Sometimes Puck was pictured as a frightening creature with the head of an ass, or as a queer little figure, long and grotesque, or as a rough, hairy creature, or as the representation of the Greek god Pan. As a shape-shifter, Puck had many appearances, and he used them to make mischief.        
(Quelle http://mural.uv.es/abordel/puck.html)


Puck ist eine Art Hofnarr des Elfenkönigs Oberon und treibt mit den Menschen zahlreichen Schabernack. Er verkehrt gerne die Dinge und verwirrt die Menschen, um sich zu amüsieren. So haben auch die Zuschauer des "Sommernachtstraum" ihre Freude an der Verwirrung, die Puck unter den Liebenden und den Handwerkern stiftet. Er hat, ganz wie der Faun, einen Bezug zur menschlichen Sexualität, seine Handlungen reißen Schranken nieder und setzen Tabus außer Kraft, er weckt die Liebe im Herz der Menschen, setzt aber auch verbotene Triebe frei.
Der Glaube an die Existenz der keltischen Elfen war zu Shakespeares Zeit noch allgemein im Volke verbreitet,  vor allem die Erregung der Träume schrieb man ihnen zu. Es waren kleine Wesen der Nacht, dem Menschen bald freundlich gesinnt, bald boshaft wie der IErlkönig, der den nächtlichen Wanderer ins Verderben führt. Sie müssen Shakespeare in der kleinen Landstadt Stratford von Jugend auf vertraut gewesen sein. Für alle Zeiten gab er ihnen Gestalt  durch seinen ,,Sommernachtstraum" -  unsere heutigen Vorstellungen von den Elfen gehen in der Hauptsache auf diese wunderbare Dichtung zurück.
Sowohl Puck als die übrigen Elfen werden uns in winzigster Kleinheit geschildert, was allerdings auf der Bühne kaum umsetzbar ist, wodurch  die Darstellung des Puck schon immer eine Herausforderung für den Regisseur war.


Und, wie üblich für die Rolle des Hofnarren, darf er die Wahrheit ungeschminkt aussprechen und die Situation kommentieren. Und so möchte ich meine Betrachtungen abschließen mit Pucks berühmtem Zitat:

Lord, what fools these mortals be!

 Al Smek

 

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