Eigentlich hatte ich keine große Lust dazu, „Klamotten anzuschauen“. Die Schaufenster sind voll davon, im Fernsehen geht es permanent um Mode und Schönheitsideale, ganz zu schweigen von den Hochglanzmagazinen, auf denen uns makellos gestylte Damen ihr strahlendes Lächeln schenken. 

Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung Jean Paul Gaultier

 Irgendwie hat sich eine Art Modeübersättigung aufgrund dieses permanenten visuellen Überangebots eingestellt. Und nun auch noch eine komplette Ausstellung, Kleid neben Kleid, in der Hypo Kulturstiftung - H&M und Primark für Intellektuelle?

Zum Glück ließ ich mich dann doch dazu überreden und fand mich in einer langen Warteschlange am Eingang der Ausstellung wider. 420 000 Besucher hatte die Schau in Paris gehabt, heute schien diese Zahl, zumindest gefühlt, hier in München geduldig vor mir anzustehen. Jetzt war ich doch gespannt, was diese Menschenmenge hierher führte. Um es kurz zu machen: „Klamotten anschauen“ trifft nicht ganz, was den Besucher erwartet.

 

Die Ausstellung ist eine spektakuläre multimediale Inszenierung, die in einer opulenten Show den Geist Gaultiers spürbar macht. (1)

Jeder Ausstellungsraum wird zur Bühne für die Präsentation der ausgefallenen Haute Couture Kreationen. Hier finden sich keine Kleiderständer oder Schaufensterpuppen, sondern animierte Kunstmenschen mit eigener Individualität, die mit dem Besucher in Kontakt treten, in einer perfekt inszenierten Kulisse. Man kommt aus dem Schauen und Staunen nicht mehr heraus, muss sich beherrschen, um nicht wie so manches Kind unter den Besuchern mit offenem Mund dazustehen. Worin besteht er denn nun, der Geist Gaultiers, was ist so überaus faszinierend an seinen Werken?n

Inspiration findet er in Paris selbst, in der Welt des Pop und der Massenmedien oder in Subkulturen wie dem Londoner Punk, aber auch in den verschiedensten Kulturen. Prototypische Figuren wie die Geisha, der Indianer oder der Torero bevölkern seine Welt, immer jedoch in überraschenden Verfremdungen. Gaultiers gesellschaftliches Ideal ist das Recht darauf, anders zu sein und die eigene Identität zu leben. Berühmt wurden z.B. Gaultiers Männerröcke, mit denen er gängige Geschlechter-Stereotype und tradierte Mode-Codes auf den Prüfstand stellt. (2)            

Und so begegnet man hier statt Schneewittchens böser Stiefmutter einem Mann, eitel und gestylt, der verzweifelt Zwiesprache mit seinem Spiegelbild hält, das jedoch nicht ihn zeigt, sondern das Bild eines anderen. Irritationen dieser Art machen den großen Reiz dieser Ausstellung aus, natürlich auch die Begegnung mit Ikonen aus Film und Musik und ein perfekt inszenierter Catwalk samt Publikum. Wenn man dann schließlich wieder auf die Straße tritt und durch die Münchner Fußgängerzone läuft, schleicht sich nach und nach der leise Wunsch ein, unsere Realität wäre tatsächlich ein bisschen weniger angepasst und uniform und die neue Modefarbe wäre kein dezentes Grau.

Gabriele Smekal

 Quelle: (1) (2): http://www.kunsthalle-muc.de/ausstellungen/details/jean-paul-gaultier/

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